text.skipToContent text.skipToNavigation
Es konnten keine Ergebnisse gefunden werden.
Such-Empfehlungen
Bildhinweis: © Getty Images

Anders krank

Beyond Science

Wenn Frauen einen Herzinfarkt erleiden, wird er oft nicht erkannt. Männer setzen in der Medizin sowohl bei Diagnostik wie auch Therapie die Standards. Warum eigentlich?

Eine Friseurin, 40, klagt während der Arbeit plötzlich über Übelkeit, Brustschmerzen und einen Schweißausbruch. Sie geht auf die Toilette, hofft, es werde danach besser. Der Hausarzt diagnostiziert eine Magenverstimmung. Tage vergehen. Nach einer Blutdruckmessung in einer Apotheke wird in der Herzambulanz einer Klinik ein Herzinfarkt festgestellt. Zwei Wochen sind umsonst verstrichen!


Typisch Frau


Dieses typische Beispiel zeigt: Zum einen neigen selbst die Frauen dazu, ihre eigenen Herzprobleme nicht ernst zu nehmen. Schließlich glauben auch sie, dass ein Herzinfarkt nur mit heftigem Brust-Engegefühl wie bei Männern und einem starken Ausstrahlen in den linken Arm einhergehe. Ferner geht auch das medizinische Personal viel seltener bei Frauen von einem Infarkt aus, weshalb die Notfallbehandlung beim weiblichen Geschlecht oft zu spät beginnt. Untersuchungen zeigen, dass auch Ersthelfer weniger zu einer Herzdruckmassage bei Frauen bereit sind – vermutlich aus Scheu vor einem Berühren der weiblichen Brust. Die Folge: Es versterben mehr Frauen als Männer nach einem Herzinfarkt.

Die Heilungschancen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Frauen sind laut Statistik nur halb so gut. Im Krankheitsbild manifestieren sich gravierende Unterschiede: Der plötzliche Herztod beim Sport trifft hauptsächlich Männer. Eine stressinduzierte Herzerkrankung, mittlerweile auch bekannt als „Eva-Infarkt”, ist hingegen zu 90 Prozent Frauensache. Fakt ist: Frauen werden anders krank. Autoimmunerkrankungen, Depression, Osteoporose gelten als klassische Frauenkrankheiten. Und auch beim Darmkrebs wurden jüngst geschlechtsspezifische Differenzen entdeckt: Frauen erkranken häufig noch im hohen Alter. Prof. Dr. Thomas Schiedeck, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie e. V., fordert deshalb ein Verschieben der bis dato geltenden gesetzlichen Regelung bei der Darmkrebsvorsorge: Männer müssten tendenziell schon vor dem 50. Lebensjahr zur Koloskopie, Frauen hingegen noch länger als bis zu ihrem 75. Lebensjahr.

„Beschwerden der Frauen entsprechen oft nicht dem, was in den sehr männerbasierten Lehrbüchern steht”, erklärt auch Kardiologin Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek. Die 66-Jährige gilt als Pionierin, sie hat das bis dato in Deutschland einzige Institut für Geschlechterforschung in der Medizin initiiert. Das war im Jahr 2003 an der Berliner Charité, zwei Jahre nachdem Schweden das erste europäische Institut für Gendermedizin gegründet hatte. In Deutschland führt die Gender­medizin noch ein Nischendasein. Skandinavische Länder, die Schweiz, aber insbesondere Kanada sowie die Vereinten Nationen sind deutlich weiter. Dort werden etwa Forschungsvor­haben nur genehmigt, wenn sie auch geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigen.


Männerdomäne Medizin


Das kann lebenswichtig sein. Denn auch bei Medikamenten existiert ein kleiner Unterschied, mit bisweilen großen Folgen. Digoxin, ein weit verbreitetes Mittel gegen Herzschwäche, kann bei Frauen die Herzproblematik noch verstärken. Medikamente gegen Bluthochdruck zeigen bei weiblichen Patienten stärkere Nebenwirkungen. Und das gängige Aspirin wirkt zwar beim Mann prophylaktisch gegen Herzinfarkt, nicht aber bei Frauen. Das Schlafmittel Zolpidem führt bei Frauen zu einem starken Hangover – sie dürften nur die halbe Dosis einnehmen. Beipackzettel gehen bis heute meist nicht auf die Thematik ein.

Die Gründe sind biologischer (siehe Infokasten unten), aber auch medizinpolitischer Natur: Die Mehrheit der Ärzte ist männlich. In den Leitlinienkomitees, wo Behandlungsstandards festgelegt werden, sind Frauen unter repräsentiert. Männer dominieren auch die Wissenschaftsgesellschaften, Forschung ist folglich eine Männerdomäne. Kaum verwunderlich, dass in Pharmastudien überwiegend junge männ­liche Mäuse getestet werden und Medikamente optimal auf junge Männer zugeschnitten sind. Vera Regitz-Zagrosek betont: „Gendermedizin soll keine Frauen­medizin sein.” Es gehe darum, bessere Wirkstoffe für Männer und Frauen zu entwickeln.

Hintergrund

Biologische Unterschiede wie Körpergröße, Fettanteil, Hormone, Enzymstruktur sind ein Grund, warum Arzneimittel von Frauen anders aufgenommen werden. Schon der Weg eines Wirkstoffs durch den Körper bis in die Leber ist bei einer Frau deutlich länger. Außerdem interagieren Wirkstoffe mit den Sexualhormonen – Testosteron beim Mann, Östrogen bei der Frau – unterschiedlich. Auch besteht ein Wechselspiel zwischen biologischen („Sex”) und soziokulturellen Kriterien („Gender”), wie Gifte, Essen, Rauchen, Stress. „In der Regel werden weibliche Zellen mit Umwelteinflüssen besser fertig”, erklärt Gendermedizinerin Vera Regitz-Zagrosek. Sie hätten dank des Doppel-X-Chromosoms in ihren Zellen schützende Prozesse entwickelt, die es auch für Männer in der Medizin zu nutzen gelte.