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Eine Wolke für die Wissenschaft

Beyond Science

Forschung wird immer interdisziplinärer. Effizienter wäre sie, hätten Wissenschaftler einen Zugang zu den Daten der verschiedenen Fachgebiete. Die European Open Science Cloud soll dafür sorgen.

Zu Beginn waren es Virologen, Epidemiologen und Mediziner, bald tauchten Wirtschaftswissenschaftler, Sozial- und Bildungswissenschaftler, Psychologen und weitere Disziplinen in die Materie ein: Am Beispiel der Coronavirus-Pandemie zeigt sich, dass manche Forschungsgegenstände nicht isoliert aus einer einzelnen Perspektive betrachtet werden können – zu verwoben sind die Erkenntnisinteressen. Die konkreten Forschungsfragen der verschiedenen Disziplinen mögen dabei zwar gänzlich verschieden sein, jedoch benötigen sie häufig die gleichen Daten als Basis. Wie praktisch wäre es, einfach eine Website aufzurufen, ein paar Stichworte einzugeben und zu entdecken, welche Studien und Daten zum gesuchten Thema europaweit schon verfasst beziehungsweise erhoben wurden. Diese Vision nähert sich der Wirklichkeit: Die European Open Science Cloud (EOSC) soll der zentrale Forschungsdaten-Hub werden, in dem Wissenschaftler vorhandenes Material aus allen Disziplinen finden und darauf zugreifen können.
Vor knapp sechs Jahren entstand die Idee in einer hochrangigen Expertengruppe der EU-Kommission, die sich um Lösungen für das europaweite Forschungsdatenmanagement kümmern sollte. Von Anfang an dabei: Prof. Dr. Klaus Tochtermann, Direktor der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft und Professor für Digitale Informationsinfrastrukturen an der Universität Kiel. Seine Vorstellung von Forschung ist das als „Open Science“ bekannte Konzept einer offenen Forschungskultur, in der der freie Zugang zu Daten („Open Access“) ein zentraler Bestandteil ist. Denn: „Der Trend geht zu disziplinübergreifenden Fragestellungen“, so Tochtermann. Forschung in Silos, also abgekapselt von anderen Fachgebieten, könne die gegenwärtigen Fragestellungen unserer vernetzten Welt immer weniger beantworten. Die EOSC will die Barrieren zwischen den Disziplinen einreißen und Letztere stattdessen verknüpfen. In Europa ist die Plattform das erste Projekt, das sich dieser Aufgabe annimmt, bisher gab es ähnliche Vernetzungsmodelle nur innerhalb von einzelnen Wissenschaften.

Recherche über Metadaten
Doch wie können Hunderte verschiedene Disziplinen ihre Daten in dem neu geschaffenen digitalen Umfeld „ablegen“? Ist nicht die Datenerhebung der Astrophysik gänzlich verschieden von der Gewässerforschung? „Auf jeden Fall“, bestätigt Klaus Tochtermann, „doch in der Suchmaschine der EOSC werden die Metadaten hinterlegt, also beschreibende Angaben wie etwa das Datum von Probenentnahmen, die Temperatur, der Ort.“ Wer in diesen Metadaten etwas Interessantes wähnt, kann sich über einen hinterlegten Link zum Originaldatensatz klicken. Forscht jemand zur Wasserbeschaffenheit im Amazonas und benötigt für die genaue Fragestellung die Sternenkonstellation über dem Gebiet, dann, so die Idee, wäre die EOSC die erste Anlaufstelle, dazu zu recherchieren – und bestenfalls fündig zu werden.
Dahinter stehen zwei Überlegungen: Einerseits wird durch geteilte Erkenntnisse die Forschung nicht unnötig verlangsamt. „Mit Bezug auf Corona heißt das: Wenn die in Wuhan erhobenen Daten zum Virus früher weltweit zur Verfügung gestanden hätten, hätte man auf deren Basis effizienter weiterforschen können“, erläutert Tochtermann. Andererseits fördert die Plattform die Demokratie innerhalb der Wissenschaft. „Manche Länder und deren Institutionen können es sich nicht leisten, teure Publikationen mit Forschungsergebnissen zu beziehen“, erklärt EOSC-Mitinitiator Tochtermann. Sie wären konstant im Nachteil gegenüber finanzkräftigeren Wissenschaftscommunitys. Und: Gemeinsam lässt sich mehr erreichen.

Wem wird der wissenschaftliche Erfolg zuteil?
Die Offenlegung von Wissen bewährte sich beispielsweise im Rahmen der EHEC-Epidemie 2011. Nach der gelungenen Identifizierung wurde die genetische Information des Durchfall-Bakteriums für alle öffentlich gemacht, die wissenschaftliche Diskussion darüber fand in offenen Foren statt. Durch die Zusammenarbeit gab es schneller Resultate. An diesem Punkt fürchten manche Forscher um das akademische Rampenlicht, in dem möglicherweise ein anderer steht – unterstützt durch das, was man selbst herausgefunden hat. „Eine Lösung wäre zum Beispiel nicht nur die Zitationshäufigkeit von Publikationen als Bewertungskriterium für den wissenschaftlichen Erfolg zu nutzen, sondern auch, wie oft ein Datensatz ‚zitiert‘ wurde“, sagt Klaus Tochtermann. Insgesamt hat die Wissenschaft mehr und mehr nämlich auch die übergreifende Aufgabe, Transparenz und Glaubwürdigkeit zu erhöhen – nach innen und nach außen. Die EOSC könnte so nicht nur die Forschung voranbringen, sondern auch die Kritik an ihr.

Dran bleiben!

Die EOSC ist noch auf dem Weg von der Vision zur Wirklichkeit. Ein anschaulicher „Zwischenschritt“ ist das EOSC-Portal. Hier lassen sich bereits erste Anwendungen („Use Cases“) auf Projektbasis begutachten. Unter „Services & Resources“ wird deutlich, was die Plattform für die weltweiten Nutzer bereitstellen will: zentral natürlich das Teilen und Entdecken sowie Datenmanagement und Vernetzung. Aus diesem Portal heraus wird die finale Datenbank entstehen – dranbleiben lohnt sich!