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Die Geheimnisse des ewigen Eises

Beyond Science

Angelika Humbert erforscht anhand von Satelliten­bildern die Eismassen in der Arktis und der Antarktis. Ihre Erkenntnisse tragen dazu bei, den Klimawandel und den steigenden Meeresspiegel besser zu verstehen und Lösungen zu finden.

Wenn Prof. Dr. Angelika Humbert ihre Arbeit als Glaziologin erklärt, vergleicht sie die Bewegung der Eismassen an den Polarkappen gerne mit Honig. Spräche sie von topografischen Gegebenheiten, der Fließgeschwindigkeit oder supraglazialen Seen, würde sie wohl die meisten Gesprächspartner bloß fragend zurücklassen. „Ähnlich wie der Honig auf dem Brot“, beginnt Humbert also, „fließen die Gletscher, wenn ihre Masse durch viel Schneefall groß genug ist, an den Rand der Eisschilde der Arktis und Antarktis und brechen dort ab.“

Die abbrechenden Eisberge sind längst zu einem Symbol des Klimawandels geworden. Die globale Temperatur steigt, die Eisschilde schmelzen, der Meeresspiegel steigt. „Dass das Eis abbricht, ist aber ganz natürlich“, sagt Humbert, „was uns jedoch Sorgen bereitet, ist die Geschwindigkeit dieser Bewegung.“
Die Bewegung des Eises erforscht Humbert seit mittlerweile 20 Jahren – die letzten acht davon am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Ihr Fachgebiet: Eismodellierung und Fernerkundung von Eis. Der Klimawandel ist auch für die Eisforscherin die drängendste Frage unserer Zeit. Mit ihrer Arbeit kann sie helfen, zu verstehen, nach welchen Mechanismen sich Gletscher verändern, und mit ihren Modellrechnungen dazu beitragen, Lösungen für die mit dem steigenden Meeresspiegel einhergehenden Probleme zu finden: „Ganz aufhalten lässt sich der Prozess vielleicht nicht mehr, aber wenn man es schafft, die Temperaturen zu reduzieren, kann die Abschmelzung der Gletscher zumindest stabilisiert werden.“

Gesellschaftlich relevante Wissenschaft

Laut Weltklimarat sind 680 Millionen Menschen, die in flachen Küstenregionen rund um die Erde leben, 65 Millionen Bewohner von Inselstaaten und 670 Millionen Menschen, die in Hochgebirgsregionen leben, vom steigenden Meeresspiegel und der Eisschmelze bei der gleichzeitigen Zunahme von Extremwetterphänomenen bedroht. „Man weiß natürlich schon, dass sich diese Menschen im Zweifelsfall auf unsere Berechnungen verlassen müssen“, findet Humbert. „Im Alltag denkt man darüber aber eher weniger nach.“
Alltag bedeutet für die 50-Jährige vor allem die Arbeit mit riesigen Satellitendaten am Computer. Etwa 16 Millionen Quadratkilometer der Erde – das ist eine Fläche fast so groß wie Russland – sind von Eis bedeckt. Ihr Forschungsgebiet erstreckt sich dabei über einen Bruchteil davon, doch selbst 10.000 Quadratkilometer anhand von topografischen Bildern auszuwerten, kann Jahre dauern.
Je besser die Bilder, desto besser ist auch die Arbeit. Die Daten stammen dabei von kommerziellen oder von wissenschaftlichen Satelliten. Hochauflösende Bilder von einer Fläche von 25 Quadratkilometern kosten da schon einmal gut 4.000 Euro. „Wenn wir richtig gute Bilder bekommen, stoßen wir auch schon mal mit einem Whisky an“, verrät Humbert. Während es bei herkömmlichen Aufnahmen zum Beispiel häufig darum gehe, die Schatten zu deuten, gewähren die Premiumaufnahmen freie Sicht bis auf den Grund der Eisseen – ein riesiger Unterschied für die Arbeit, so Humbert.

Eisforschung am Computer

„Anders als man sich das bei einer Polarforscherin vielleicht vorstellt, bin ich eigentlich weniger auf Expeditionen in den arktischen Regionen unterwegs“, so Humbert. Durch die CoViD-19-Pandemie seien zwei geplante Expeditionen in diesem Jahr abgesagt worden. „Die einzigen Expeditionen, die mir dieses Jahr noch bleiben, sind die Zugfahrten von Darmstadt, wo ich mit meiner Familie lebe, zum AWI nach Bremerhaven“, erzählt Humbert und lacht.

Faszination von Anfang an

Den mehrstündigen Arbeitsweg nimmt Humbert aber gerne in Kauf. Die Polarforschung ist ihr Traumberuf, sagt sie. Nach einem Studium der Physik in Darmstadt sei sie eher zufällig zur Glaziologie gekommen. In ihrer Elternzeit, da war sie Mitte zwanzig, las sie sich in das Thema ein, von dem sie durch ihr Studium schon eine vage Vorstellung hatte, und war sofort begeistert davon. „Noch heute fasziniert mich das Eis“, schwärmt Humbert. „Wenn man sich vorstellt, wie viel Eismasse es auf der Erde gibt, wie wichtig das Eis für die Erde ist und wie wenig wir im Vergleich dazu darüber wissen, kann es eigentlich kein spannenderes Forschungsgebiet geben.“
Das sehen auch die Studierenden der Geowissenschaften an der Uni Bremen. Humbert ist dort Professorin für Eismodellierung und gibt ihr Wissen und ihre Erfahrung an die nächste Generation weiter. Die Studierenden seien sehr engagiert und bringen schon viel Vorwissen mit, freut sich Humbert: „Mit ihnen brauche ich zum Glück nicht über Honig reden.“

Kurzporträt

Prof. Dr. Angelika Humbert ist Glaziologin am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Die promovierte Physikerin ist auf die Computersimulation und Fernerkundung von Eisschilden, Eisströmen und Schelfeisen spezialisiert. Mit physikalischen Formeln versucht sie, die Prozesse in Computermodellen bis weit in die Zukunft hinein abzubilden und vorherzusagen. Darüber hinaus ist sie Professorin für Eismodellierung an der Universität Bremen.