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Bildhinweis: © Getty Image

Superfrauen

Beyond Science

Jess Wade lebt ein Doppelleben. Tagsüber ist sie Polymerphysikerin, am Abend kämpft sie für eine bessere Repräsentation von Frauen und „People of Color“ auf Wikipedia.

Dr Wade, Ihre reguläre Arbeit ist die Erforschung lichtemittierender Dioden (LEDs). Seit Anfang 2018 haben Sie abends mehr als 850 Wikipedia-Einträge über Wissenschaftlerinnen bearbeitet. Was ist die Motivation hinter Ihrem „Zweitberuf“?


Jess Wade:
11 Prozent der Physikprofessoren in Großbritannien sind Frauen. Als Physikerin sehe ich die Unterrepräsenta­tion von Frauen und „People of Color“ täglich. 2017 habe ich Angela Sainis Buch „Inferior“ gelesen – es zeigt die Rollen­klischees, die Frauen aus der Wissenschaft ausschließen, klar auf. Etwa zur selben Zeit lernte ich Dr Alice White kennen. Die Wikipedia-Redakteurin legte mir den Erfolg dieser Plattform dar: Die englischsprachige Wikipedia wird am Tag 32 Millionen Mal aufgerufen; allerdings wird 90 Prozent des Inhalts von weißen Männern in Nordamerika erstellt, und nur 18 Prozent der Biografien handeln von Frauen.


Wie finden Sie die Menschen, über die Sie berichten möchten?


Wade:
Manchmal ist es ein Vortrag, manchmal sind es soziale Medien oder ein Artikel in einer Zeitung oder Zeitschrift. So finde ich heraus, ob jemand einen renommierten Preis gewonnen, einen wichtigen Vortrag gehalten oder einen richtig interessanten wissenschaftlichen Artikel veröffentlicht hat. Abends, wenn ich nach Hause komme, recherchiere ich. Manche Menschen sind einfach zu finden, andere erfordern intensivere Nachforschungen. Die weniger Auffälligen stellen sich oft als interessanter heraus. Viele Menschen haben Erstaunliches zur Wissenschaft beigetragen, es wurde nur noch nicht ausreichend über sie berichtet.


Haben Sie eine Lieblingsentdeckung?


Wade:
Die Physikerin Donna Strickland gewann 2018 den Nobelpreis. Bis zum Tag der Preisverkündung hatte sie keine Wikipedia-Seite. Ein Redakteur hatte einen Eintrag abgelehnt, da die Persönlichkeit die Wikipedia-Relevanzkriterien nicht erfülle. Mein jüngster Lieblingseintrag ist die Physikerin June Lindsey, eine Kristallografin in Cambridge und Oxford, die einen großen Einfluss auf die Entdeckung der DNA-Struktur in den 40er-Jahren hatte. Obgleich eine wissenschaftliche Hoheit, verließ sie die Wissenschaft, um sich ihren beiden Kindern zu widmen. Erst durch Zufall kam die Geschichte ans Licht. Ich habe davon gehört, und jetzt ist sie auf Wikipedia vertreten.


Haben Sie jemals jemanden aufgegeben?


Wade:
Ich höre auf, wenn ich jemanden nicht mag oder die Person arrogant ist und Selbstdarstellung betreibt und somit keine weitere Plattform benötigt. Ebenso höre ich auf, wenn es klar wird, dass sie, obwohl sie wichtig ist, die strengen Wikipedia-Relevanzkriterien nicht erfüllt. Zum Beispiel müssen Wissenschaftler eine Reihe von Publikationen vorweisen sowie zum Professor ernannt und international ausgezeichnet worden sein. Dies schließt Frauen und People of Color aus, da sie wenig öffentliche Anerkennung oder Forschungsgelder erhalten.


Sind Sie der Meinung, Wikipedia sollte seine Regeln ändern?


Wade:
Ich finde die Regeln eigentlich okay. Sie reflektieren unsere ungleiche Gesellschaft. Das Problem ist, dass Frauen und „People of Color“ nicht genügend Anerkennung erhalten. Daher sollten wir an den Kriterien festhalten und stattdessen Frauen und „People of Color“ mehr Stipendien und Wissenschaftsauszeichnungen zukommen lassen. Die Internet-Enzyklopädie stellt den weltweit einzigen begutachteten demokratischen „crowdsourced“ Zugang zu Information dar. Ein Eintrag wird nicht nur gelesen – er verändert die Wahrnehmung der Menschen darüber, wer Wissenschaft betreibt und was Wissenschaft ist.


Wurden Sie jemals für Ihre Eintragungen kritisiert?


Wade:
Auf jeden Fall. Es ist nicht überraschend, dass Wikipedia-Redakteure nicht gern „Sexisten“ oder „Rassisten“ genannt werden. Einige behaupten, durch den Eintrag von mehr Frauenbiografien würde ich die Website eher verschlechtern als verbessern. Sie argumentieren, dass Wikipedia das Geschlechtergefälle in unserer Gesellschaft reflektieren sollte, und reagieren daher empfindlich. Ich finde, dass ich hier etwas gewinnen und in etwas Gutes verwandeln kann.


Wann werden Sie aufhören?


Wade:
Eine gute Frage. Ich weiß es nicht. Früher habe ich abends zur Entspannung Videospiele gespielt. Jetzt ist Wikipedia meine produktivste Beschäftigung. Gern lerne ich über die verschiedenen Epochen der Wissenschaft, zu denen ich sonst keinen Zugang hätte. Ich mache so lange weiter, bis es mir keinen Spaß mehr macht – hoffentlich habe ich unterdessen genügend Leute angeleitet und motiviert, Beiträge zu leisten.

Kurzporträt


Dr. Jessica Wade hat Physik, Chemie und Kunst studiert. Sie lebte in Florenz und nahm dort Unterricht in Kunst und Kunstgeschichte. Dort entdeckte sie Menschen wie Leonardo da Vinci – gleichzeitig Künstler, Architekt und Wissenschaftler. Für ihren Masterkurs kehrte sie zurück zur Wissenschaft, und 2016 erwarb sie ihren Doktortitel. Sodann nahm sie eine 6-monatige Arbeit in der Bildungspolitik an, stellte allerdings fest, dass sie in die Forschung gehört, und ging zurück zum Blackett Laboratory am Imperial College London.