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Bildhinweis: © Tony Luong

Die Kraft der Berührungen

Beyond Science

Mit ihrer Forschung will Lauren Orefice dazu beitragen, Autismus-Störungen besser behandeln zu können. Die junge Neurobiologin möchte herausfinden, welchen Einfluss der Tastsinn auf Betroffene hat.

Kaum etwas ist so tröstlich wie eine Umarmung, so aufmunternd wie ein Schulterklopfen und so entspannend wie ein sanftes Streicheln – Berührungen sind magisch: federleicht und doch wirksam, unsichtbar und doch wahrnehmbar. Lange bevor der Mensch hört oder sieht, kann er fühlen. Denn der Tastsinn ist der erste Sinn, der sich in der Gebärmutter bildet. „Über ihn findet auch der erste zwischenmenschliche Austausch statt, und man könnte sagen, dass die soziale Entwicklung durch Berührung beginnt“, sagt Lauren Orefice. Empfindungen seien essenziell, wie die Luft zum Atmen. „Berührungen sind für die normale Entwicklung des Gehirns und des sozialen Verhaltens zwingend nötig!“ Und genau deshalb haben sie den Weg in Laurens Forscherherz gefunden.

Zu Beginn waren es einfach Neugier und Begeisterung, die die in New Jersey aufgewachsene Amerikanerin am Boston College Biologie studieren ließen. Von einer Forscherkarriere war damals noch keine Rede. Erst als sie für ihr Ph.D.-Studium in Neurowissenschaften an die Georgetown University wechselte, wurde deutlich, dass sie die Erste aus ihrer großen Familie sein würde, die eine wissenschaftliche Laufbahn einschlägt.


Körperkontakt als Bedrohung


Für ihre Postdoc-Arbeit ging die Amerikanerin in das Labor von Dr. David Ginty an der Harvard Medical School, wo sie heute mit gerade mal 35 Jahren bereits ihr eigenes Lab leitet. Sie untersucht im Department of Genetics die Entwicklung, Funktion und Schwachstellen von somatosensorischen Schaltkreisen. Das sind jene Verkabelungen, die den Tastsinn und die Empfindungen ausbilden. Lauren Orefice will herausfinden, welchen Einfluss der Tastsinn auf Autismus-Spektrum-Störungen (ASS / engl.: ASD) hat. Denn während sich die meisten Menschen ganz instinktiv nach Berührung sehnen, ist Körperkontakt für viele Autisten unangenehm, bedrohlich, sogar schmerzhaft.

„Eine deutliche Veränderung in der Empfindlichkeit gegenüber sensorischer Stimulation ist ein häufiges Symptom bei ASS-Patienten”, erklärt die Wissenschaftlerin. Etwa 85 Prozent von ihnen reagierten überempfindlich schon auf leichte Berührungen. Bereits das Streifen eines anderen Menschen im überfüllten Kaufhaus kann für Autisten quälend sein. Eine Windbö nehmen einige als brennend wahr, prasselnde Regentropfen als schmerzhaft, sogar das Haareschneiden sei für manche schwierig zu ertragen. Das lässt der Forscherin keine Ruhe. Ihr Ziel ist es, einen Beitrag zu leisten, um Autismus-Spektrum-Störungen besser behandelbar zu machen. Dafür grübelt sie Stunde um Stunde über einem Projekt, beobachtet Neuronen beim Networking, entdeckt dabei, deckt auf, analysiert und evaluiert.
Bildhinweis: © Tony Luong

Überreaktionen dämpfen


So kam es, dass Lauren und ihr Team die jahrzehntelang gängige Vorstellung über die Ursachen von ASS korrigiert haben. Sie konnten nachweisen, dass Autismus-Spektrum-Störungen nicht, wie angenommen, ausschließlich durch eine abweichende Gehirnfunktion entstehen. Eine entscheidende Rolle spielen auch periphere somatosensorische Neuronen, jene Nervenzellen außerhalb des Gehirns, die den Tastsinn steuern. Die Wissenschaftlerin konnte in Experimenten mit Mäusen aufzeigen, dass diese Berührungsneuronen bei bestimmten Formen von ASS gestört sind und zu einem veränderten Empfindungsverhalten führen.

Und frei nach ihrer Lebensphilosophie „Da geht noch was!“ hat Lauren auch gleich noch einen Therapieansatz aus ihrem Forscherhut gezaubert. Der kommt in Form des Medikaments Isoguvacin daher. Das bislang nur für klinische Tests zugelassene Mittel ist in der Lage, die Aktivität von Berührungsneuronen herunterzufahren und so die Überreaktionen zu dämpfen.
Bildhinweis: © Tony Luong

Eine Meisterleistung


Lauren beschreibt ihre Arbeit zurückhaltend als „hoffnungsvollen möglichen therapeutischen Weg, um spezifische Merkmale von Autismus zu behandeln“. Doch ihre Arbeit hat die Forschergemeinde beflügelt: „Diese Studie ist eine technische Meisterleistung“, lobte etwa Professor Mark Wallace von der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee. Die Eppendorf AG würdigte die Arbeit mit dem mit 25.000 Dollar dotierten „Eppendorf & Science Prize for Neurobiology“.

In ihrem Lab ist Lauren nonstop. Wenn nicht körperlich anwesend, so zumindest in Gedanken. Sie muss selbst schmunzeln, wenn sie erzählt: „Ein Smartphone ist praktisch, wenn man beim Einkaufen plötzlich eine Idee für ein Experiment hat.“ Und auch im Job kommt der Spaß nicht zu kurz: Im Herbst gab’s eine Challenge in „Pumpkin Carving“, im Januar feierte das Team den ersten Lab-Geburtstag, den „Labiversary“, und mittwochabends ist „ziemlich regelmäßig Käse-Wein-Mittwoch“.


Forschung braucht Humor


Kein Wunder, dass manchmal zu wenig Zeit für ihren Ehemann bleibt. Doch der hat Verständnis für den ewigen Forscherdrang seiner Frau und ihre Liebe zum Labor. Schließlich elektrisiert auch ihn selbst als Neurowissenschaftler die Wunderwelt des Nervensystems. Gemeinsam ist beiden auch die Liebe zu Pippa: „Sie ist bezaubernd, extrem liebevoll, und sie hält uns richtig auf Trab“, schwärmt Lauren von ihrer Staffordshire-Terrier-Hündin, mit der Wanderungen und Spaziergänge auf dem Freizeitprogramm stehen.
Wo die Forscherin noch den Kopf frei kriegt? „Ich habe in der letzten Zeit wieder angefangen, Ballettunterricht zu nehmen – als andere Art, mich kreativ auszudrücken. Eine gute Tasse Tee und ein Anruf bei meiner Familie wirken ebenfalls Wunder.” Unterstützung durch die Familie sei für ihre Arbeit genauso wichtig wie Neugier, Kreativität und Beharrlichkeit. Ach ja, „und ein Sinn für Humor“ – davon könne man als Forscherin immer eine Prise gebrauchen.www.oreficelab.org