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Viren: besser als ihr Ruf

Beyond Science

Versuch einer Image-Korrektur: Bei Viren denkt man an Krankheit, Ansteckung, Pandemie. Doch Mikroben können mehr und sind auch für Gutes verantwortlich.

Treiber der Evolution


Als Parasiten vermehren sich die Winzlinge in Wirtszellen, die absterben oder sich verändern. Viren üben also einen hohen Selektionsdruck aus und sorgen für genetische Mannigfaltigkeit. Virologen vermuten, dass erst Viren für unterschiedliche Geschlechter und ja, sogar auch die Sexualität gesorgt haben. Viren können sich nicht nur selbst ins Erbgut einbringen, sie fungieren auch als Transportmittel für Genschnipsel anderer Lebewesen, die sie ins humane Erbgut einschleusen. Bis dato steht fest: 145 menschliche Gene rühren von Organismen wie Bakterien, Pflanzen, Pilzen, Tieren. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms ergab: Mehr als acht Prozent der menschlichen DNA stammt von Viren ab. Die Bremer Meeresbiologin Antje Boetius schließt: „Viren sind Beschleuniger der Evolution.”

Alternative zu Antibiotika


Was tun, wenn Antibiotika nicht mehr helfen? Viren können eine Alternative sein – speziell die Gattung der Phagen. Als natürliche Feinde der Bakterien kommen sie überall vor, wo sich Bakterien aufhalten, also auch im menschlichen Körper. Bereits 1917 entdeckte Félix d’Hérelle deren Bedeutung: Phagen infizieren nur Bakterien und vermehren sich in dieser Wirtszelle, bis sie platzt und verschwindet. Allerdings sind Phagen absolute Spezialisten, die nur auf ganz bestimmte Bakterienarten reagieren. Noch sind sie in Deutschland als Therapeutikum nicht zugelassen. Georgien galt lange als das globale Forschungszentrum. Doch auch hierzu laufen Pilotstudien an. Bei „Phage4cure” sind etwa die Fraunhofer-Gesellschaft und die Berliner Charité beteiligt.

Strenge Wasserpolizei


Viren sind allgegenwärtig. Sie existieren sogar im dunklen Gewässer der Tiefsee. In einem Teelöffel Meerwasser tummeln sich bis zu hundert Millionen Viren. Jede Sekunde, das haben kanadische Meeresbiologen errechnet, finden in den Ozeanen 1023 virale Infektionen statt. Allein die Menge spricht für den Einfluss der Viren aufs maritime Ökosystem. Im US-Bundesstaat Maine beobachten Forscher, wie das übermäßige Wachstum der Alge Emiliana huxleyi durch ein Virus gebremst wird. Ihr Fazit: Viren agieren wie eine Wasserpolizei. Da sie sich ganz speziell ihren Wirt aussuchen, kontrollieren sie zu dominant gewordene Spezies. „Viren”, weiß auch der Bremer Mikrobiologe Rudolf Amann, „killen die Sieger” und ermöglichen so die Artenvielfalt.

Aktiv gegen Krebszellen


Manche Krebspatienten sind nach einer Infektion mit Schnupfen(Adeno)-Viren geheilt. Hintergrund dieses Zufallsphänomens ist das Verhalten einiger Viren, sich in Krebszellen heimisch zu fühlen und sich so fortzupflanzen, dass die Tumorzellen dadurch vernichtet werden. Das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg untersucht das Potenzial dieser noch jungen „onkolytischen Virotherapie”. Bisher fanden erfolgreich vorklinische, aber auch erste klinische Studien statt. 2015 wurde erstmals ein onkolytisches Virus zur Therapie zugelassen – gegen Hautkrebs. Das Universitätsklinikum Ulm plant, biotechnische und genetische Methoden so zu kombinieren, dass die Krebskiller über die Blutbahn direkt zu metastasierten Zellen befördert werden.

Retter der Kastanie


An der Ostküste der USA ist fast der gesamte Bestand an Edelkastanien dem aus Asien eingeschleppten Pilz Cryphonectria parasitica zum Opfer gefallen. Diese auch als Kastanienrindenkrebs bezeichnete Krankheit breitet sich in etwas gemäßigter Form auch über die Alpen in Europa aus. In der Schweiz wurde nun eine spezielle Therapie dagegen entwickelt. Man benutzt dabei sogenannte Hypoviren und beimpft erkrankte Bäume mit einem virustragenden Pilz – die wunden Baumstämme müssen einzeln bepinselt werden. Diese Art der biologischen Schädlingsbekämpfung ist aufwendig, aber erfolgreich. Zumal Forscher feststellten, dass sich das Virus im Anschluss auch auf natürliche Weise auf weitere Bäume überträgt und ausbreitet.