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Wie durch ein Brennglas

Beyond Science

Während einer Krise tun sich zahlreiche Probleme und Herausforderungen unseres Zusammenlebens auf. Und: Plötzlich ist möglich, was vorher undenkbar war. Ein Überblick über die Lehren und Aufgaben für die Zukunft.

1. Globalisierung

Während der Krise ging die ganze Welt auf Abstand. Der globale Warenaustausch brach ein. Vor allem die Abhängigkeit von China rückte während der Pandemie in den Fokus. Mehr als ein Drittel der weltweit produzierten Industrieprodukte und sogar knapp 80 Prozent der weltweit verwendeten medizinischen Grundstoffe stammen aus China. Der Mangel an Schutzausrüstung und Medizinprodukten hat uns diese Abhängigkeit deutlich vor Augen geführt. Läutet Corona folglich das Ende der Globalisierung ein? Eher nein. „CoViD-19 ignores borders and the solutions to address it will need to overcome them too“, betont Rory Horner vom Global Development Institute der University of Manchester. Medikamente und Impfstoffe müssten schnell so vielen Menschen wie möglich zur Verfügung gestellt werden. Und das sei ohne China und Indien kaum denkbar. Zwar diskutieren europäische Staaten bereits, wie sie strategisch wichtige Produktionskapazitäten nach Europa zurückholen können. Eine Abkehr von der Globalisierung kann sich jedoch niemand leisten. Der Preis wären höhere Personal- und Sachkosten, ­erhebliche Wohlfahrtsverluste und ein Rückfall in nationalistisches Denken.

2. Gesundheitswesen

Mehr Grundlagenforschung und internationale Zusammenarbeit: Das muss Experten zufolge die Antwort auf die globale Pandemie im Gesundheitswesen sein. „Fundamental science is the only weapon we have to anticipate and prepare for new challenges in health and other areas such as environment, and thus defining public policies that safeguard European citizens Health”, sagt die Biochemikerin Mónica Bettencourt-Dias, Direktorin des Instituto Gulbenkian de Ciência in Portugal. Hätte auch eine bessere Kommunikation zu Beginn der Pandemie die Ausbreitung des Virus bremsen können? Vieles spricht dafür. Regierungen können auf lokaler Ebene zwar einen Lockdown verordnen, um Übertragungsketten zu unterbrechen. Wirksam ist das aber nur, wenn alle Länder weltweit ähnliche Anstrengungen unternehmen, um einen erneuten Ausbruch zu verhindern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde durch den Rückzug der USA geschwächt. Dabei kann nur eine Stärkung der internationalen Organisationen künftigen Pandemien entgegenwirken.

3. Wirtschaft

Für viele Unternehmen war die Pandemie ein Weckruf. Nicht nur im Handel, auch in der traditionellen Industrie und im Mittelstand gibt es Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung. Von heute auf morgen mussten viele Unternehmen die IT-Infrastruktur für die Arbeit im Homeoffice bereitstellen, Konferenzen und Geschäftsreisen digital ersetzen. Viele Unternehmen haben dadurch einen Digitalisierungsschub erfahren und wollen auf diesem Weg weitergehen. Voraus­setzung ist eine gute digitale Infrastruktur – dafür muss die öffentliche Hand sorgen.
Laut dem Experten für Technikfolgenabschätzung am Karlsruher Institut für Technologie, Armin Grunwald, sollten sich Unternehmen die krasse Abhängigkeit von Technologien und Wirtschaftsprozessen stärker ins Gedächtnis rufen. Ohne Strom und Internet, ohne globale Lieferketten und Mobilität breche alles zusammen. „Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass immer alles funktioniert“, sagt er. „Wir brauchen Pläne B für den Fall der Fälle. Und wir brauchen Technologien, die nicht alles auf eine Karte setzen. Das kann für Dezentralisierung sprechen, zum Beispiel in der Energiewende oder im Digitalbereich.“

4. Umwelt

Flugzeuge blieben am Boden, Fabriken standen still, die Luftverschmutzung ging zurück. Oberflächlich betrachtet hat die Umwelt von der Pandemie profitiert. Doch der Effekt ist nur kurzfristig. Deshalb fordert ein breites gesellschaftliches Bündnis aus Politik, Wirtschaft und NGOs in Europa den Neustart der Wirtschaft unter grünen Vorzeichen. Dazu gehört neben dem Klima- auch der Artenschutz. Laut Umweltverband WWF ist der nicht nachhaltige Handel mit Wildtieren nach der Zerstörung von Lebensräumen die zweitgrößte Bedrohung für die biologische Vielfalt weltweit. Gleichzeitig stellt der Wildtierhandel eine Gefahr für die menschliche Gesundheit dar. Denn CoViD-19 ist laut WHO zoonotischen Ursprungs – genauso wie 61 Prozent aller menschlichen Krankheitserreger. „We’re calling on world leaders to support the clo-sure of high-risk wildlife markets wherever they threaten public health and biodiversity”, sagt Jan Vertefeuille, Senior Advisor for Advocacy beim WWF-US. Mehr Öffentlichkeitsarbeit und Unterstützung für betroffene Staaten könnten dazu beitragen, die Nachfrage nach Wildtier-Produkten zu senken.

5. Gesellschaft

Was ist im Leben wirklich wichtig? Die Corona-Krise hat viele Menschen vor existenzielle Fragen gestellt. „Wir sollten uns Gedanken darüber machen, wie verletzlich wir eigentlich sind und wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns bewegen. Solches in Bezug auf die eigene Lebensführung und die Gesellschaft zu bedenken, wäre eine Chance“, sagt der Theologe Thomas Schlag von der Universität Zürich. Einige Impulse hat die Corona-Krise angestoßen. So wurden Beschäftigte im ­Lebensmitteleinzelhandel oder der Landwirtschaft, in der Kranken- und Altenpflege, bei der Müllentsorgung oder dem Transport endlich als „systemrelevant“ erkannt. In vielen Städten standen die Menschen auf den Balkonen und klatschten Beifall für deren Arbeit. Diese Berufsgruppen verdienen aber mehr als Applaus, nämlich bessere Arbeitsbedingungen und Entlohnung. Die Politik hat gezeigt, wozu sie fähig ist. In vielen Ländern haben Regierungen schnell reagiert, um die negativen Folgen der Krise abzufedern. Diese Entschlossenheit ist auch in anderen Bereichen wie der Klimakrise nötig – und offensichtlich durchaus machbar.

6. Bildung

Die Corona-Krise hat Schüler, Eltern und Lehrer kalt erwischt. Schulen ohne Hardware und funktionierendes WLAN, Lehrer ohne Ausbildung im Online-Unterricht, Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes: Die Corona-Krise hat das Versagen vieler Staaten im Hinblick auf digitale Bildung schonungslos offengelegt. Während manche Schulen engagiert auf Online-Unterricht umschalteten, hörten Schüler an anderen Schulen erst einmal gar nichts von ihren Lehrern oder erhielten Aufgaben per Post. Die Pandemie ist ein Weckruf, endlich in die (digitale) Bildung und damit die Zukunft zu investieren. Der Professor für Deutschdidaktik an der Universität Klagenfurt, Markus Pissarek, weist darauf hin, dass im analogen Unterricht die echten effektiven Übungszeiten oft gering sind – beim Schreiben liegen sie etwa bei zwei Prozent. Während der Krise hätten Schüler mehr Zeit ins Üben und eigene Schreiben investiert. „Durch die Digitalisierung wird die Chance entstehen, mehr echte Übungszeit zu gewinnen“, so Pissarek. Die große Herausforderung sei die Selbstorganisation – auch etwas, das Schüler jetzt lernen müssen.