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Die Entstehung des Wirgefühls

Beyond Science

Gute Gemeinschaft entsteht nicht von selbst. Kleine Gruppen, mehr Miteinander statt Einzelkampf und Sinn für Humor fördern ein starkes Wirgefühl.

Wer Menschenaffen beim Spielen zuschaut, kann dabei spannende Entdeckungen machen. Mehr als 120 Stunden lang haben die Biologinnen Giada Cordoni und Elisabetta Palagi von der Universität Pisa erwachsene Gorillas und Schimpansen beim Spiel im Zoo beobachtet. Dabei stellten sie fest, dass die geselligen Schimpansen in Gefangenschaft mehr spielen als Flachlandgorillas, deren Gruppe meist von einem einzigen Männchen dominiert wird. Ihre Erklärung: „In vielen erwachsenen Tieren gilt das Spiel als ein Maß der sozialen Kohäsion, und es kommt in der Regel häufiger bei Arten mit einem geringeren Grad an Konkurrenz und einem höheren Maß an sozialem Zusammenhalt vor.“
Vom tierischen Verhalten lässt sich nur bedingt auf den Menschen schließen. Und doch fördert auch bei uns ein gesunder Spieltrieb und Sinn für Humor den Zusammenhalt einer Gruppe. Das hat der Anthropologe Jeffrey Johnson von der Universität Florida herausgefunden. Er untersuchte im Auftrag der NASA, wie sich Teams verhalten, die über längere Zeit aufeinander angewiesen sind – wie bei einer künftigen Mars-Mission oder auf einer Forschungsstation im ewigen Eis. Sein Ergebnis: Die wichtigste Rolle in einer Gruppe spielt der Geschichtenerzähler und Clown. Der Sinn für Humor beeinflusst laut Johnson erheblich den Team-Zusammenhalt.

Gemeinsame Erlebnisse und Ergebnisse
Welche Faktoren beeinflussen sonst noch das Wirgefühl, wissenschaftlich „Kohäsion“ genannt, diese Kraft, die den Einzelnen an eine Gemeinschaft bindet? Dieser Frage gehen Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen nach – von der Sportwissenschaft über die Wirtschaftspsychologie bis hin zur Militärforschung. Allgemein gilt als förderlich für mehr Miteinander, wenn die Mitgliedschaft in der Gruppe hoch attraktiv ist, die Mitglieder häufig interagieren und eine Konkurrenz gegenüber anderen Gruppen besteht. Aber auch die Leidenschaft bei der gemeinsamen Aufgabe, gemeinsame Erlebnisse und Ergebnisse, ja sogar individuelles Nutzenkalkül spielen für die Gruppenkohäsion eine Rolle.
Israelische Wissenschaftler fanden heraus, dass auch synchrone Handlungen den Zusammenhalt von Gruppen stärken. Sie beobachteten, dass Sprechchöre in einer Fangruppe positive Gefühle hervorrufen (allerdings stieg dabei auch die Aggressivität gegenüber den gegnerischen Fans). Selbst ein gemeinsamer Spaziergang scheint Menschen einander näherzubringen, wenn sich die Schritte anpassen. „Bei Menschen, die im Gleichschritt gehen, besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit der Kooperation“, sagt der Psychologe Liam Cross von der britischen Edge Hill University. Er beobachtete, dass synchrones Gehen Vorurteile gegenüber dem Nebenmann abbaute. „Wie unsere Arbeit zeigt, gibt die gemeinsame Bewegung durch die Zeit den Menschen ein erhöhtes Gefühl von Zugehörigkeit und Verbindung. Diese Gefühle stellen wiederum die Weichen für einen größeren Zusammenhalt zwischen verschiedenen Gruppen“, so Cross.
Bildhinweis: Stocksy
Erfolge schweißen Teams zusammen
Auch gemeinsame Erfolge scheinen Teams zusammenzuschweißen, wie die kanadische Arbeitsgruppe um den Sportwissenschaftler Albert Carron von der University of Western Ontario herausfand. Umgekehrt macht ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl Gemeinschaften erfolgreicher. Diese These belegt ein eindrucksvolles Experiment des Sozialpsychologen Lee Ross von der Stanford University. Er spielte mit zwei gleich zusammengesetzten Gruppen dasselbe Spiel. Der einen Gruppe stellte er dieses als „Community Game“ vor – ein auf Gemeinnutz ausgelegtes Spiel. In diesem Team spielten später 70 Prozent der Teilnehmer eng zusammen. Der anderen Gruppe präsentierte er das Spiel als „Wall Street Game“, in dem Egoismus belohnt würde. Rund 70 Prozent dieser Spieler arbeiteten danach gegeneinander. Allein die Bezeichnung des Spiels beeinflusste das Verhalten der Teilnehmer. Das Experiment zeigt auch: Wer auf Einzelkampf setzt, verspielt manche Chance.

Kleinere Gruppen oft innovativer
Der Trend zur Teamarbeit hat sich auch in der Wissenschaft etabliert. Selbst das Phänomen der Kohäsion wird seit Herbst 2020 in einer internationalen Gruppe, dem „Social Cohesion Hub“, erforscht. Doch ob große, interdisziplinäre Gruppen wirklich bessere Ergebnisse liefern als kleine – daran bestehen berechtigte Zweifel. Der Soziologe James Evans von der University of Chicago analysierte mit seinem Team mehr als 65 Millionen veröffentlichte Studien, Patente und Softwareprodukte aus den Jahren 1954 bis 2014. Sein Ergebnis: „Kleinere Teams produzieren innovativere Ergebnisse. Große Teams punkten eher darin, bereits bestehendes Wissen weiterzuentwickeln.“ Größere Teams untersuchten die direkte Vergangenheit und bauten auf den Hits von gestern auf. Kleinere Teams hingegen machten all diese verrückten Dinge – „sie reichen weiter in die Vergangenheit, und es dauert länger, bis andere dieses Potenzial erkennen und wertschätzen“, beschreibt Evans.Wer den Teamgeist in Unternehmen fördern will, sollte nicht jeder Mode folgen. Denn neuere soziologische Forschungen haben ergeben, dass die Abflachung von hierarchischen Strukturen in Unternehmen strukturellen Egoismus fördert. Die gute alte Hierarchie kann das Wirgefühl im Team also durchaus fördern – Lästern über den Chef inklusive.
Bildhinweis: Getty Images

TIPPS FÜR MEHR GEMEINSCHAFT

Wie sich der Gemeinschaftssinn besonders in Krisenzeiten stärken lässt: Empfehlungen des „European Federation of Psychologists’ Associations’ Support Hub“ in Kürze.


• Gemeinschaften können das Wirgefühl stärken, indem sie ihren Mitgliedern folgende Gefühle vermitteln: „Es scheint für andere wichtig zu sein, was ich tue. Ich habe jemanden, mit dem ich Gedanken, Erfahrungen und Gefühle austauschen kann. Er scheint mich zu kennen und wird sich bei Bedarf um mich kümmern. Ich bin nicht allein.“ Das vermittelt dem Gruppenmitglied das Gefühl, ein Teil von etwas Größerem zu sein und gebraucht zu werden.

• Gemeinschaftliches Engagement hilft dabei, die Bindungen zwischen Menschen zu stärken und ein Gefühl der Zugehörigkeit zu schaffen. Dabei sollten die Menschen das Gefühl haben, dass ihr Beitrag wirklich nützlich ist und dazu beiträgt, ein Problem zu lösen.

• Die Menschen müssen ein gewisses Maß an Kontrolle über sich selbst und ihre Umwelt behalten und für ihre Bemühungen anerkannt werden.

• Die aktive Beteiligung an einem sozialen Unterstützungsnetzwerk während oder nach einer Krise kann insbesondere jungen Menschen psychologische Vorteile bringen. Sie stärken das Selbstwertgefühl sowie das Gefühl der Selbst- und der kollektiven Wirksamkeit.

• Durch die Förderung eines Gemeinschaftsgedächtnisses werden die Stärken und die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft gestärkt. Daher sammeln Community-Psychologen in Europa und den USA Ideen, kreative Momente und individuelle und kollektive Erfahrungen in einer „New Bank for Community Ideas and Solutions“. Mit diesen gemein­samen Erinnerungen an unser neu entwickeltes Gemeinschaftsgefühl werden unsere zukünftigen Gemeinschaften wiederaufgebaut werden können, um widerstandsfähiger und integrativer zu sein.