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Nach der Krise folgt die Chance

Beyond Science

Immer wieder standen Menschen im Verlauf der Geschichte vor dem Abgrund. Dabei bergen Krisen nicht nur Gefahren, sondern stoßen auch positive Entwicklungen an.

Der Auslöser einer der großen Krisen der Weltgeschichte war erstaunlich klein. Dazu etwas unförmig, schrumpelig-braun und aus heutiger Sicht ein unbedeutendes Allerweltsprodukt: Ausgerechnet die Tulpenzwiebel stürzte die Niederlande im Jahr 1637 in eine massive Wirtschaftskrise und brachte dem Land den ersten Börsencrash weltweit ein. So groß war die Gier nach der Zwiebel, aus der Blütenträume wuchsen, dass Sammler für ein Exemplar umgerechnet bis zu 25.000 Euro auf den Tisch legten – bis die Spekulationsblase platzte und der Markt zusammenbrach. Von der sogenannten Tulpenkrise sollte sich die niederländische Wirtschaft lange nicht erholen.
Die Tulpenkrise – sie ist nur ein Beispiel für eine Vielzahl von Krisen, die die Menschen im Verlauf der Geschichte immer wieder an den Rand des Abgrunds brachten. Neben persönlichen Lebenskrisen sind es politische Krisen wie die Flüchtlingskrise in Europa, Wirtschafts- und Finanzkrisen, ökologische Krisen wie die Klimakrise, aber auch Pandemien wie der Ausbruch von COVID-19, die Menschen oder ganze Staaten aus dem Gleichgewicht bringen. „Wendepunkt“ oder „Entscheidung“ bedeutet Krise im Griechischen. Demnach mündet die Krise entweder in der Katastrophe oder die Lage bessert sich. Krise – das bedeutet Gefahr und Chance zugleich.
Wissenschaftler haben versucht, allgemeine Gesetzmäßigkeiten für den Ablauf von Krisen zu finden. Nach dem schwedischen Psychiater Johan Cullberg etwa lässt sich jede Krise in vier Phasen einteilen: Schock und inneres Chaos, Reaktion wie Angst und Hilflosigkeit, Verarbeitung und Suche nach Lösungen und zum Schluss die Neuorientierung. Sich bewusst zu machen, in welcher Phase der Krise man gerade steckt, kann bei der Krisenbewältigung helfen. Dennoch ist der Umgang mit inneren und äußeren Einschlägen individuell sehr unterschiedlich. Manche Menschen oder auch Unternehmen und Staaten straucheln, andere gehen gestärkt aus Krisen hervor.
Risiken werden oft falsch eingeschätzt
Besonders Unternehmen bereiten sich nach Angaben des Kieler Instituts für Krisenforschung seit Jahren immer intensiver auf drohende Krisen aller Art vor. Sie benennen Krisen- und Risikomanager, führen Krisenübungen durch und erstellen ein Krisenhandbuch. Die Sorgen der Manager kreisten laut „Krisenpräventionsumfrage 2019“ vor allem um Hackerangriffe, Blackouts, Shitstorms, Naturkatastrophen, politische Diskontinuitäten oder Enthüllungen durch Medien. Mit einer Pandemie rechnete hingegen kaum jemand. „Die Auswirkungen des Klimawandels, neue Technologien, Digitalisierung, demografische Veränderungen, künstliche Intelligenz sowie finanzielle und politische Unsicherheiten haben uns bewegt. Wir erwarteten ein signifikantes Ereignis, aber die Pandemie übertraf unsere schlimmsten Erwartungen”, sagt der Experte für Entrepreneurship von der University of Guelph in Kanada, Felix Arndt.
Dass selbst Krisen- und Risikomanager die Relevanz von Risiken oft völlig falsch einschätzen, bestätigt auch Professor Werner Gleißner, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement. So stünden im Risikobericht des Weltwirtschaftsforums von Davos „grüne Risiken“ wie Naturkatastrophen und Folgen des Klimawandels auf Platz eins der von Experten erwarteten Krisen. Themen wie Pandemien oder schwere Wirtschafts- und Finanzkrisen hingegen rangieren auf den hinteren Plätzen – eine dramatische Fehleinschätzung, wie die weltweite Finanzkrise 2007, die Eurokrise 2009 oder der Ausbruch von COVID-19 zeigen.

Aus Steinen im Weg etwas Schönes bauen
Trotz aller negativen wirtschaftlichen und sozialen Folgen gibt es handfeste Gründe dafür, nach Krisen positiv in die Zukunft zu blicken. „Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, lässt sich etwas Schönes bauen“, formulierte es der Kinderbuchautor Erich Kästner. Tatsächlich gehen Menschen nach Überzeugung von Psychologen nicht selten gestärkt aus Krisen hervor. „Posttraumatisches Wachstum“ nennen sie das Phänomen, wonach Menschen an schweren Lebenskrisen sogar innerlich wachsen können. Empirische Befunde von Krebspatienten sowie von Opfern von Brand-, Schiffs- oder Gewaltkatastrophen zeigen laut der Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung, Michaela Brohm-Badry, dass dem Leid neben den belasteten Emotionen auch stärkende, positive Emotionen folgen können. „Ich bin glücklich und erfolgreich – und das nicht trotz, sondern dank meiner Lebenskrisen“, erklärt auch das ehemalige Entführungsopfer Marc Wallert. Er wurde im Jahr 2000 vier Monate lang von Islamisten auf der Insel Jolo festgehalten und berichtet in seinem Buch „Stark durch Krisen. Von der Kunst, nicht den Kopf zu verlieren“ über seine Erfahrungen.

Lehren aus der Geschichte
Auch Wirtschaftswissenschaftler wie Alexander Tziamalis und Konstantinos Lagos von der Sheffield Hallam University in Großbritannien erkennen in Krisen eine Chance – und begründen ihre These historisch. „Krisen bewirken oft positive Veränderungen“, betonen die Forscher. „Wenn es eine Lektion aus der Geschichte gibt, ist es, dass sich die Wirtschaft wieder erholt. Die Arbeitslosigkeit geht zurück, Gehälter steigen, die Börse erlebt neue Höhenflüge, und unsere Fabriken produzieren mehr Güter als je zuvor“, lautet auch 2020 ihre optimistische Zukunftsprognose.
Dass Krisen oft positive Veränderungen anstoßen, zeige etwa die Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit in Großbritannien während des Ersten Weltkriegs. Mehr als eine Million Frauen hätten die Wirtschaft am Laufen gehalten – und dabei in Jobs gearbeitet, die ihnen vorher verschlossen geblieben waren, etwa in Fabriken, als Fahrerinnen oder sogar bei der Polizei. „Der langfristige – und anhaltende – Prozess, der die Fähigkeiten und Talente von Frauen in der Arbeitswelt anerkennt, wurde beschleunigt“, so die Wissenschaftler.

Ineffiziente Strukturen lösen sich auf
Nach Krisen werden laut Tziamalis und Lagos oft ineffiziente oder veraltete Strukturen aufgegeben. Auch in der Corona-Krise sehen die Wissenschaftler Chancen für positive Veränderungen: „Gestärktes Gesundheitswesen, reduziertes unnötiges Pendeln, weniger Umweltverschmutzung und internationale pharmazeutische Kooperation können unsere Welt verbessern. Ebenso Gehaltserhöhungen und mehr Anerkennung für wichtige Arbeitskräfte.“ Jeder könne seinen Teil dazu beitragen, Krisen etwas Positives abzutrotzen.
Am Ende jeder Krise heißt es: nach vorne schauen – und für die nächste Katastrophe planen. Die Universität Jena etwa bietet ab kommendem Semester einen Studiengang zu internationalen Krisen an. „Nach der Krise ist vor der Krise. Die Frage steht, was Krisen gemeinsam haben und wie wir ihnen begegnen können“, sagt der Jenaer Professor Rafael Biermann. Damit die Gesellschaft besser gewappnet ist. Denn die nächste Krise kommt bestimmt.