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Bildhinweis: © Kerstin Göpfrich

Live aus dem Labor

Beyond Science

Schule und Forschung, verbunden per Videotelefonat: Die Onlineplattform „Ring-a-Scientist“ bringt Wissenschaftler in den Unterricht – und alle haben etwas davon.

Wissenschaft, das ist ja nicht nur Natur­wissenschaft“, sagt ausgerechnet die Chemikerin Natascha Aristov. „Ich möchte die Kinder dafür sensibilisieren, dass zur Wissenschaft nicht immer ein weißer Kittel und ein Labor gehören.“ Die 61-Jährige arbeitet als Pädagogin in der Hector Kinderakademie in Stuttgart, wo sie Seminare für besonders interessierte Kinder und Jugendliche anbietet. Einer ihrer Kurse trägt den Titel „Diskutieren mit Wissenschaftlern“ – darin gibt sie den Kindern einen Überblick über verschiedene Wissenschaftsgebiete und die Möglichkeit, sich mit Forschenden auszutauschen.

Doch wie diskutiert man als Schüler oder Schülerin mit Wissenschaftlern? Wie findet man Forschende, die bereit sind, Rede und Antwort zu stehen? Man ruft sie an! „Ring-a-Scientist“ nennt sich die Plattform, auf der sich Wissenschaftler eintragen, um von ihrer Forschungsarbeit zu berichten. Rund 140 Profile aus den verschiedensten Fachbereichen gibt es bereits auf ring-a-scientist.org. Der Clou: Lehrkräfte suchen dort nach einem Kontakt, der ihren Unterricht mit wissenschaftlichem Know-how bereichern könnte. Werden sie fündig, ergibt sich daraus im besten Fall ein Videotelefonat.


Unbändige Neugier


Natascha Aristovs Schüler telefonieren regelmäßig mit insgesamt sieben Wissenschaftlern – darunter Neurologen, Biologen, Physiker. Genauso wichtig ist ihr aber auch das Gespräch mit Wirtschafts-, Bildungs- und Sprachwissenschaftlern. So stieß sie auf Aleksej Tikhonov, der an der Humboldt-Universität zu Berlin in den slawischen Sprachwissenschaften forscht. Im Zuge seiner Dissertation entwickelt der 29-Jährige in einem Projekt der Volkswagen Stiftung gemeinsam mit anderen Promovierenden ein Tool, das dabei helfen soll, große Mengen von Manuskripten dem richtigen Autor zuzuordnen. In dem Videocall wollten die Schüler alles wissen: Ob er für die Polizei arbeiten könne. Ob es helfe, dass er mehrere Sprachen spreche. Wie es sei, eine Doktorarbeit zu schreiben. „Ich war überrascht, wie gut die Kinder vorbereitet waren und sich mit meinem Thema bereits auskannten“, berichtet Tikhonov.

„Die Reaktion der Schüler ist meist sehr positiv“, erzählt die promovierte Biophysikerin Kerstin Göpfrich, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Karl Gödel, ebenfalls Physiker, die Plattform ins Leben rief. „Einmal interessierte sich eine Klasse ein halbes Jahr nach unserem Austausch dafür, wie mein Forschungsprojekt weiter verlaufen ist“, so die 30-Jährige. Sie selbst telefoniere inzwischen etwa alle zwei Wochen mit Schulklassen, und das mit viel Freude. Entsprechend ihrer Fachrichtung bietet sie – ganz klassisch mit Kittel im Labor – Einblicke in die naturwissenschaftliche Forschung, zeigt Experimente vor der Webcam oder führt die Klasse durch ihr Labor im Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg. Genauso informiert sie aber auch zum Studium oder zur Karriere in der Wissenschaft.


Privates Engagement als Startschuss


Der Vorwurf, die Wissenschaft verschanze sich im Elfenbeinturm, ist kein neuer – und Wissenschaftskommunikation schon lange ein eigenes Forschungsfeld. Gleichzeitig wird Unterricht oft für die mangelnde Praxis kritisiert. „Ring-a-Scientist“ schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. „Wir bringen Wissenschaft ins Klassenzimmer, live per Webcam“, bringt es Göpfrich auf den Punkt.
Angefangen hat alles aus privatem Engagement: Schon während des Studiums besuchte die junge Forscherin Schulen und berichtete dort aus Wissenschaft und Forschung. War es zeitlich nicht anders möglich oder wäre die Anreise zu weit gewesen, schlug sie alternativ ein Videotelefonat vor – geboren war die Idee für „Ring-a-Scientist“. Mit dieser bewarben sie und Karl Gödel sich schließlich für die Förderung des „Fellow-Programm Freies Wissen“, ein Projekt des Stifterverbands, der Volkswagen Stiftung und der Wikimedia Deutschland. Mit der Zusage entstand im Programmjahr 2017/18 die Website – das Privatprojekt wurde zur Plattform.

Die Förderung legte den technischen Grundstein – seitdem gab es nur kleinere Änderungen. Mehr sei auch nicht nötig, sagt Göpfrich, da das Portal ein Selbstläufer sei: „Die Lehrkräfte fragen an, die Forschenden können darauf selbstständig antworten.“ Für sie als ehrenamtliche Betreiberin entsteht damit nur wenig Aufwand. Nach der Kontaktaufnahme verläuft die weitere Kommunikation oft über andere Kanäle außerhalb der Plattform. Die Anzahl der Anfragen und tatsächlich geführten Videotelefonate ist daher kaum messbar, aber es war ihr wichtig, das Projekt frei zu gestalten – etwa, ohne die Nutzer an die Website zu binden.


Internationaler Ausbau


Das größere Entwicklungspotenzial sieht Göpfrich in der Verbreitung des Portals unter Lehrkräften – auch international: Die Forschenden bieten die Gespräche mittlerweile in über zehn Sprachen an, die Regel sind aber Telefonate mit deutschen Schulen. Noch. „Ich habe mal mit einer Schulklasse der britischen Kanalinsel Jersey telefoniert. Das auszubauen wäre ein schöner Erfolg.“

So funktioniert „Ring-a-scientist“


Für Lehrkräfte:
Auf der Website sind die Profile aller Wissenschaftler aufrufbar. Filter und Suche helfen, die Person zu finden, die am besten zum Thema passt. Der Kontakt lässt sich gleich über die Plattform herstellen. Ist ein Termin gefunden, steht dem Telefonat nichts mehr im Weg.

Für Wissenschaftler:
Unter „Anmelden und mitmachen“ kann sich jeder ein Profil anlegen, der sich an der Plattform beteiligen möchte, auch schon während des Studiums. Online-Formular mit Kontaktdaten, Fachbereichen und Forschungsschwerpunkten ausfüllen, Bild hochladen, fertig.
ring-a-scientist.org