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Da ist der Wurm drin

Beyond Science

Gestatten, das vielleicht ökologischste Tier der Welt: der Regenwurm. 141 Forscher aus 57 Ländern haben den ersten Weltatlas des Wurms veröffentlicht. Der bringt überraschende Erkenntnisse zutage.

Für seine Verdienste um das ökologische Gleichgewicht verdient er eigentlich den Titel „Weltwurm“. Die Briten nennen den König der Erde „earthworm“. Die Deutschen haben den Regenwurm nach seinem regen Verhalten benannt. Die bekanntesten hier sind der Tauwurm und der Kompostwurm, sie sind weltweit mit mindestens 7000 Arten von Wenigborster-Würmern verwandt.Der Regenwurm vollbringt außergewöhnliche Leistungen für ein kleines Lebe­wesen, das blind und taub ist, weder Rückgrat, Gliedmaßen noch Zähne besitzt. Er stemmt das Sechzigfache seines Körpergewichts. Der Tauwurm ist mit seinen 30 Zentimetern einer der längsten seiner Familie und wird bis zu sechs Jahre alt. Um das gleich vorwegzunehmen: Ein solch stolzes Alter kann er nur erreichen, wenn er beim Umgraben nicht von einem Spaten zerteilt wird. Denn es ist ein Irrglaube, dass Regenwürmer das einfach überleben. Das gelingt nur unter bestimmten Voraussetzungen. Doch dazu später mehr.


Wurmbuch von Charles Darwin


Zunächst stellt sich die Frage, warum 141 Forscher aus 57 Ländern ausgerechnet einen Wurm-Weltatlas erarbeiten und im amerikanischen Wissenschaftsmagazin „Science® “ veröffentlichen? Nun, schon der Vater der Evolutionstheorie, Charles Darwin (1809 –1882), widmete dem Regenwurm 1881 ein ganzes Buch – sein letztes. „Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer“ wurde fast so erfolgreich wie sein Werk zur Evolutionstheorie. Der britische Naturforscher erkannte, wie wichtig Regenwürmer für einen fruchtbaren Boden sind. Viele seiner Kollegen hielten ihn für verrückt – Regenwürmer galten damals als Gartenschädlinge, die Pflanzenwurzeln anknabbern. Heute ist klar: Je mehr Würmer im Boden leben, desto höher ist die Bodenfruchtbarkeit.Um es in Darwins Worten zu sagen: „Man kann wohl bezweifeln, ob es noch viele andere Tiere gibt, welche eine so bedeutungsvolle Rolle in der Geschichte der Erde gespielt haben wie diese niedrig organisierten Geschöpfe.“ Mehr als 140 Jahre später bemängeln die Wurmforscher, dass die herausragende Rolle des Wurms noch immer zu wenig erforscht ist, und schreiben im Oktober 2019 im Magazin „Science“: „Bodenorganismen, einschließlich der Regenwürmer, sind eine wichtige Komponente terrestrischer Ökosysteme; allerdings ist über ihre Vielfalt, ihre Verteilung und die Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind, wenig bekannt.“


Weltweite Erforschung


Um daran etwas zu ändern, haben sie einen Atlas von Regenwurmgemeinschaften aus 6928 Standorten in 57 Ländern zusammengestellt, suchten nach Mustern in Bezug auf Vielfalt, Häufigkeit und Biomasse von Regenwürmern. Eine überraschende Erkenntnis: „Klimavariablen stellen sich bei der Ausbildung von Regenwurmgemeinschaften als wichtiger heraus als die Bodenbeschaffenheit oder die Bodendeckung. Der Klimawandel könne also schwer­wiegende Auswirkungen auf Regenwurmgemeinschaften und ihre Funktionen weltweit haben“, schreiben die Forscher.Der Klimawandel könne also erhebliche Auswirkungen auf den Regenwurm und seine Funktionen weltweit haben. Dabei arbeitet der umfassend an unserem ökologischen Gleichgewicht: Der Bodeninge­nieur gräbt nicht nur um. Er pflügt den Boden regelrecht durch, lockert ihn auf, belüftet ihn und mischt mineralische und organische Substanzen. Mit seinem mundähnlichen Vorderteil saugt er sich an einem modrigen Blatt fest und transportiert es in die Unterwelt – seine Wohnröhre kann bis zu zweieinhalb Meter in die Erde reichen und bis zu 20 Meter lang sein. Aber bevor der zahnlose Wurm fressen kann, müssen Pilze und Bakterien die Pflanzenteile mundgerecht für ihn vorverdauen. Pro Tag frisst er fast die Hälfte seines Eigengewichts, und in einer Nacht zieht er bis zu 20 Blätter in seine Wohnröhre.


Müllabfuhr und Lieferdienst


Der Regenwurm übernimmt die Aufgaben von Müllabfuhr und Lieferdienst gleich­zeitig. Abgestorbenes Material wird mit seiner Hilfe in Nährstoffe verwandelt. Besonders wichtig für das ökologische Gleichgewicht sind die verdauten Reste, die der Wurm nachts an der Erdoberfläche ausscheidet: Regenwurmhumus hat ein ausgewogenes Nährstoffverhältnis, die Kombination von Enzymen, Huminsäuren und Mineralien ist einzigartig. Die enthaltenen Mikroorganismen verbessern nachhaltig den Boden – deshalb ist der Kauf von Regenwürmern unter Gärtnern gängig.Seine Tunnelsysteme erleichtern auch das Einsickern von Regenwasser und erhöhen die Wasserspeicherkapazität des Bodens. So schützt er effektiv vor Überschwemmungen. Außerdem erleichtern die Röhren Pflanzenwurzeln den Weg zu tiefergelegenen Nährstoffen. Und apropos „Lieferdienst“: Der Regenwurm ist ein schmackhafter Leckerbissen. Amseln zum Beispiel lieben ihn. Und nun noch zum Regenwurm-Märchen. Weit verbreitet ist der Glaube daran, dass sich aus einem in der Mitte getrennten Regenwurm zwei neue entwickeln. Doch: Nur das Vorderende mit den lebenswichtigen Organen lebt weiter – voraus­gesetzt, der Darm ist noch lang genug. Dann kann das Hinterende nachwachsen. Also, Achtung beim Umgraben – und bloß keinen Wunderwurm erwischen!


Überraschendes


  • Regenwürmer sind Zwitter – jeder von ihnen besitzt Hoden und Eierstöcke. Bei der Paarung agieren beide Partner als Männchen.
  • Kleine Kraftpakete: Regenwürmer können das 50- bis 60-fache ihres eigenen Körpergewichts stemmen und gehören damit zu den im Verhältnis zu ihrer Körpergröße stärksten Tieren der Welt.
  • Während sich der Regenwurm in den Boden gräbt, kann er seine kurzen Borstenpaare wie Spikes in den Boden stemmen, um nicht wegzurutschen.
  • Im 16. Jahrhundert hieß der Regenwurm „reger Wurm“, weil er ständig arbeitet und frisst. Von dieser regen Tätigkeit stammt auch sein heutiger deutscher Name.
  • Regen mag der Wurm nicht. Durch die Vibration der Tropfen wird er aus der Erde gelockt – dort erwartet ihn tödliches UV-Licht oder eine hungrige Amsel.
  • Durchschnittlich wohnen in einem Quadratmeter Boden 100 Regenwürmer. Die Tiere lieben feuchte und lockere Böden.