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Frauen in hohen Positionen in Wissenschaft und Forschung sind noch immer in der Unterzahl. Doch weshalb? Ein Erklärungsversuch mit Handlungsempfehlungen.

Wenn zu Beginn des Studiums in etwa gleich viele Studentinnen wie Studenten auf den Hörsaalbänken sitzen, ist das Problem noch unsichtbar. Aber unterwegs verlieren wir sie: vielversprechende Forscherinnen und Wissenschaftlerinnen. Was ist passiert? „Ich dachte, wenn ich nur beharrlich bleibe und gute Leistung bringe, dann komme ich an mein Ziel. Jetzt frage ich mich: Wäre ich ‚Herr Dr. Relja‘ gewesen – wäre ich ein paar Jährchen eher da, wo ich heute bin?“
Frau Prof. Dr. Borna Relja hat es geschafft. Heute leitet sie die Experimentelle Radiologie an der Universitätsmedizin Magdeburg und ist Prorektorin für Forschung, Technologie und Chancengleichheit an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Die Forschung habe ihr Spaß gemacht, sie immer wieder motiviert. „Aber die Annahme, wir Frauen müssten nur stark genug sein, um in diesem Männerumfeld zu bestehen, stimmt nur halb. Leistung ist wichtig. Aber Frauen müssen nicht nur beweisen, dass sie genauso gut sind wie ihre Kollegen. Sie müssen teilweise besser sein.“
Das Ungleichgewicht der Geschlechter im Forschungskontext balanciert sich nur zäh aus. Laut einer Erhebung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entsteht in Deutschland die Lücke mit der Habilitation: Im Jahr 2018 waren nur 31,6 Prozent der Habilitierten weiblich. Für einen internationalen Blick fehlen Zahlen – nicht alle Länder erheben die relevanten Daten, und akademische Titel lassen sich nur bedingt vergleichen. Laut dem UNESCO Science Report 2021 liegt Deutschland jedoch unter dem europäischen Schnitt: 2018 haben sich europaweit knapp 40 Prozent Frauen habilitiert.

Startschwierigkeiten und Hindernisse
Fakt ist: Eine Wissenschaftskarriere muss man sich leisten können, ökonomisch und sozial. Für angehende Forscherinnen aus Nicht-Akademiker-Haushalten sind die Hürden noch einmal anders gesetzt, weiß Silke Tölle-Pusch. Bei der gemeinnützigen Organisation ArbeiterKind.de leitet sie die bundesweite Koordination für Hochschulkooperationen und kennt die Herausforderungen für Frauen, die als Erste in ihrer Familie studieren: reale und angenommene Finanzierungssorgen, fehlender Rückhalt in der Familie, fehlendes Wissen rund um Hochschule und Wissenschaftskarriere. „All das sind Aspekte, die eine mitunter prekäre wissenschaftliche Laufbahn unattraktiv machen“, sagt sie.
Ist die wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen, warten neue Hürden: „Die Grundsteine für eine wissenschaftliche Karriere werden im Alter zwischen 30 und 40 Jahren gelegt. Das ist die Zeit, in der sich die meisten für oder gegen eine Familiengründung entscheiden – ein Sicherheitsbedürfnis setzt ein. Dann entscheiden sich Forscherinnen gegen befristete Stellen und unflexible Arbeitszeitmodelle“, stellt Borna Relja fest. Die Konsequenz: Viele Forscherinnen entscheiden sich gegen eine Beschäftigung mit ungewissem Ausgang.
2018 sind die Professuren in Deutschland nur zu 24,7 Prozent mit Frauen besetzt, europaweit arbeiten lediglich 11 Prozent Frauen in akademischen Spitzenpositionen. Das Ungleichgewicht setzt sich in der Forschung fort: Weltweit sind 33,3 Prozent der Forscher weiblich, europaweit sind es 33,8 Prozent. Allerdings steigen die Zahlen kontinuierlich, die Trendwende ist erkennbar. Es gibt sogar Länder, in denen der Frauenanteil in der Forschung signifikant höher ist: in Myanmar mit 75 Prozent, in Venezuela mit 62 Prozent. Wann startet Europa durch?

Vorbilder sind wichtig für das System
Um mehr Frauen für Wissenschaft und Forschung zu begeistern, braucht es vielfältige Maßnahmen, die früh ansetzen. In Kooperation mit Wissenschaftsinstitutionen sollte es in den Schulen mehr Besuche von Frauen geben, die in der Wissenschaft Karriere gemacht haben und von ihrem Weg erzählen, erklärt Silke Tölle-Pusch. „Sie können durch ihre Vorbildfunktion Perspektiven aufzeigen. Das sollte gerade auch an den Schulen erfolgen, deren Kinder wenig Bildungsunterstützung von zu Hause erfahren.“ Auch Initiativen wie der „International Day of Women and Girls in Science”, ins Leben gerufen von der UNESCO und UN-Women, schaffen es, die Sichtbarkeit von Frauen zu erhöhen – und dabei relevant zu bleiben: Beim vergangenen Aktionstag wurden die Frauen vorgestellt, die maßgeblich dabei geholfen haben, die Covid-19-Pandemie zu bekämpfen.
Neben der Aufgabe, Frauen zu einer Forschungskarriere zu inspirieren, müssen aber auch Strukturen geschaffen werden, um angehende Forscherinnen zu halten. Das neu gegründete Netzwerk „Chancengleichheit & Diversität“ an der Universität Magdeburg vereint verschiedene Bereiche der Hochschule, laut Borna Relja eine der wichtigsten Säulen. „Wenn sich die vorderen Räder drehen, aber das hintere blockiert wird, dann bringt das gar nichts. In unserem Netzwerk haben wir deswegen nicht nur den Bereich Gleichstellung, sondern auch andere Bereiche, zum Beispiel Familie, mitgedacht.“ Diese Zusammenarbeit würde es ermöglichen, nachhaltige Allianzen zu bilden und beispielsweise für flexible Arbeitszeiten, digitale Arbeitsmodelle und Karriere in Teilzeit einzustehen. Davon profitieren dann nicht nur die Frauen.

Mehr Raum für Stärke schaffen
Solche Netzwerke machen einen Austausch möglich – mitunter zu kritischen Themen: „Ich kann Defizite aus meiner Position heraus gut thematisieren“, sagt Borna Relja, die das Netzwerk leitet. „Aber wenn man als Doktorandin oder Post-Doc in gewissen Abhängigkeitsverhältnissen steht, erfordert das unheimlich viel Mut. Es ist riskant, sich zu positionieren.“ Neben strukturierten Programmen an Hochschulen brauche es deswegen auch geschützte Vertrauensräume. Das bestätigt Silke Tölle-Pusch: „Wir wissen, dass die Angst vor Stigmatisierung an der eigenen Hochschule Menschen davon abhalten kann, gute Angebote wahrzunehmen.“
Die Frage, ob sich das lohnt, sollte also gar nicht mehr gestellt werden: „Es ist fast schon anmaßend, Vielfalt nicht zu nutzen. Die Welt ist dynamisch. Die Forschung, das Denken, die Technologien – alles entwickelt sich weiter“, sagt Borna Relja. „Ich bin dafür da, den kommenden Forscherinnen-Generationen den Weg zu ebnen.“ Fehlende Diversität ist besonders für das wissenschaftliche Ergebnis problematisch, findet auch Silke Tölle-Pusch: „Unterschiedliche Perspektiven bringen es mit sich, dass frische Ideen und Forschungsansätze entstehen. Und das bringt die Wissenschaft entscheidend voran.“

Reinhören und sehen

Podcast „Lab Gap“
Noch immer wird Forschungspotenzial verschenkt, weil zu wenige hoch qualifizierte Frauen in der Forschung arbeiten. Darüber spricht Moderatorin Victoria Müller mit führenden Wissenschaftlerinnen Deutschlands im Podcast „Lab Gap“.


Podcast „Talk Nerdy“
Cara Santa Maria ist die Wissenschaftskorrespondentin der beliebten „National Geographic“-Fernsehserie „Brain Games“ sowie die Erfinderin und Gastgeberin des wöchentlichen Wissenschafts-Podcasts „Talk Nerdy“.


Film „Picture A Scientist“
Der Film erzählt die Geschichte der Professorin Nancy Hopkins und ihrer Kolleginnen am Massachusetts Institute of Technology (MIT): 1994 haben sie einen Report vorgelegt, der die Bevorteilung männlicher Kollegen bewies. Jetzt hatten sie wissenschaftliche Ergebnisse, die nicht negiert werden konnten.