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Grand Old Lady Boston

Beyond Science

Boston, die Hauptstadt des Neuengland-Staates Massachusetts an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika, bezaubert Besucher nicht nur durch ihren Mix aus Backsteinhäusern und Wolkenkratzern. Ein Spaziergang.

Besonders schön ist der Boston Common, der Platz mitten in der Bostoner Innenstadt, während des Indian Summer. Die Bäume leuchten Orangerot und Currygelb, während sich die Sonne in den bläulich glänzenden Fensterscheiben der umliegenden Wolkenkratzer spiegelt. Eichhörnchen rascheln im Laub, Jogger drehen ihre Runden, und Spaziergänger deuten auf die goldene Kuppel des Massachusetts State House an der angrenzenden Kreuzung auf dem Beacon Hill. Das Gebäude ist der Sitz des Commonwealth of Massachusetts und erinnert mit seinen Säulen und Arkaden an einen Tempel.

Federal Style und Backsteinromantik
Der Boston Common wurde 1634 eingeweiht und gilt als ältester Stadtpark der Vereinigten Staaten von Amerika. So wie ganz Boston zu den altehrwürdigsten Metropolen der USA zählt. Kaum eine andere amerikanische Stadt blickt auf eine ähnlich lange Tradition zurück. Damit ist der 700.000-Einwohner-Ort an der Ostküste so etwas wie eine Grand Old Lady der Neuen Welt – mit Backsteingebäuden, Häusern im Colonial und Federal Style und einem weitläufigen Hafen. Die Dame erzählt von einer Zeit, in der Boston und Neuengland nordamerikanische Kolonie Großbritanniens waren, viele Besucher schwärmen deshalb von ihrem europäischen Flair.
Und doch pulsiert üblicherweise in Zeiten ohne Corona modernes Leben in den schmalen Straßen und Gässchen, die abends Gaslaternen erhellen. Das liegt vor allem an den Studierenden aus aller Welt, die sich an einer der rund 50 Hochschulen der Stadt einschreiben, darunter an der berühmten Harvard Universität im nahegelegenen Cambridge. Oder dem ebenfalls dort gelegenen Massachusetts Institute of Technology (MIT), Amerikas Brutstätte für kreative Köpfe und Firmengründer. Die Menschen aus verschiedenen Kulturen und Nationen bringen frischen Wind in das Zentrum Neuenglands.
In Boston wurde Geschichte geschrieben
Wer im Boston Common den Blick auf den Boden richtet, auf einen der sternförmig angelegten Wege, entdeckt eine Spur roter Lehmziegel. Das ist der berühmte Freedom Trail. Auf vier Kilometern Länge führt der Freiheitspfad zu 17 Stationen im historischen Boston und veranschaulicht dabei die Gründungsgeschichte des Landes. Unter den Stationen findet sich eine Statue Benjamin Franklins, ein Autor der Unabhängigkeitserklärung, genauso wie die Park Street Church, in der der Menschenrechtsaktivist William Lloyd Garrison seine erste öffentliche Rede gegen Sklaverei hielt.

Befreiung von den Kolonialherren
Das Old State House liegt ungefähr zehn Minuten zu Fuß vom Boston Common entfernt und ist ein Backsteinhaus mit Türmchen, Erkern, Giebeln und weißen Sprossenfenstern. Zwischen all den steil aufragenden Wolkenkratzern des Finanzdistrikts mutet es wie ein vergessenes Spielzeug an. Der Löwe und das Einhorn auf dem Dach sind dieselben wie im Wappen des Vereinigten Königreichs, sie verweisen auf die Vergangenheit des Gebäudes als Sitz der Kolonialregierung. Die Beziehung zwischen der britischen Krone und den amerikanischen Kolonisten war damals sehr angespannt. Als der englische König um 1770 hohe Steuern auf alltägliche Dinge wie Tee erhob, kam es im gleichen Jahr vor dem Old State House zu einem Ereignis, das als Massaker von Boston in die Geschichtsbücher einging: Britische Soldaten erschossen fünf Bürger der Stadt. Drei Jahr später enterten als Indianer verkleidete Bostoner die Schiffe der wichtigsten Handelskompanie der Briten, der Ostindienkompanie, und kippten Hunderte Kisten Tee ins Meer.
Der Widerstandsakt gegen die englische Krone wurde bekannt als Boston Tea Party und gilt als wichtiger Schritt auf dem Weg zur amerikanischen Unabhängigkeit. Am 18. Juli 1776 war es schließlich so weit. Vom Balkon des Old State House wurde in Boston die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika vor einer jubelnden Menge verlesen. Mit dem Text verkündeten die damals 13 Staaten des Landes ihre Loslösung von Großbritannien.
Ein altes Seeschiff und ein Obelisk
Der roten Wegmarkierung des Freedom Trail folgend, gelangt man, vorbei am Wohnhaus des amerikanischen Nationalhelden Paul Revere und an einem Friedhof mit uralten, moosgepolsterten Steinen, über die Charleston Bridge auf die andere Seite des Charles River – da, wo sich Cambridge und Charlestown befinden. Hier, im Hafen, wird die Freiheit der weiten Welt und der Natur erlebbar. Etwa dann, wenn Möwen am Himmel kreischen, der Atlantikwind an den Haaren zieht und schneeweiße Segelmasten fast bis an die Wolken stoßen. Die auffälligste Takelage gehört zur USS Constitution, dem ältesten noch seetüchtigen Kriegsschiff der Welt, das an drei Schlachten teilnahm, die die USA im Namen ihrer Unabhängigkeit führten.
Heute können Ausflügler mitunter auf ihr durch den Hafen schippern und sich vorstellen, wie das Schiff mit dem Rumpf aus ungefähr 2.000 Virgina-Eichen genau hier vom Stapel gelaufen ist – nach zwei missglückten Versuchen übrigens und getauft mit einer Flasche Madeira. Genauso schön ist es, an der Waterfront entlangzuschlendern. An der Promenade wirkt die alte Dame Boston quirlig und entspannt zugleich. Und sie hat noch viel mehr Geschichten auf Lager, als sie auf dem Pfad der Freiheit von sich preisgibt. Der Freedom Trail endet unweit der USS Constitution bei einem begehbaren Obelisken aus Granit, dem Bunker Hill Monument. Die altehrwürdige Lady flüstert ihre Geschichten leise in den Wind, wispert sie in vielen, vielen Sprachen.